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Juwel

Die Winde wehen, Luft streicht über uns...Sonne, Licht, Luft... Wir strecken uns aus, reichen einander die Hände, singen zusammen im allgegenwärtigen Licht...

"Ähm...Ich empfange einen Blitz. Hallo? Bitte melde dich."

Rauschen des Windes...

"Hör mal, das könnte wichtig sein."

Seufzend zog ich mich zurück. Noch eine Sekunde lang blieb ich an den mächtigen Stamm gelehnt stehen, bis die Fäden sich ganz eingerollt hatten. Dann richtete ich mich auf, und begrüßte Al nicht gerade freundlich.

"Was soll das? Warum störst du die Vereinigung?" Ich setzte mich auf einen nahen, moosüberwachsenen Felsen. "Was soll das Gerede von...Moment mal", ich schloß die Augen, "Sagtest du BLITZ?"

"Siehst so aus", redete die Stimme von Al in meinem Kopf weiter. Bevor ich ihn unterbrechen konnte, fuhr er hastig fort: "Ich weiß, das klingt unwahrscheinlich -- "

"Verdammt unwahrscheinlich", unterbrach ich ihn knurrend. Das Moos auf dem Stein versuchte meine Hand, die sich darauf stützte, zu umfließen, aber ich zog sie weg. Ich brauchte jetzt einen klaren Kopf.

"Am besten schaust du dir das selber an."

Typisch Al. Da hat man schon eine Maschine, die für einen das Denken übernimmt, und dann muß man doch alles selber machen. Aber ein Blitz...? Das konnte wirklich wichtig sein.

"Ich bin schon unterwegs." Nach einem letzten sehnsüchtigen Blick auf die sonnendurchflutete Lichtung, und den jahrhundertealten Baumriesen nicht weit von mir, ging ich.

***

Nach einer halben Ewigkeit auf Juwel sah Al immer fremdartiger für mich aus. Eckig, metallisch, einfach künstlich. Als Schiff war er dabei schon fast nicht mehr zu erkennen. Es war auch..oh ich weiß nicht, wie viele Jahre her, seit wir zuletzt geflogen waren. Jetzt ruhte er wie ein Fremdkörper inmitten einer Lichtung, ähnlich der, von der ich kam. Die Pflanzenwelt hätte ihn schon längst überwuchert, aber da habe ich auch noch ein Wörtchen mitzureden.

Ich stieg ein, und ließ mich im Sessel nieder. Sofort stöpselte einer von Als Dendriten sich bei mir ein. Ich empfing Bilder und Daten.

"Nicht so schnell. Ich muß mich erst anpassen."

"Wenn du mich fragst, du verbringst zuviel Zeit im Wald", fing Al an.

"Aber ich frage dich nicht. In Ordnung, leg los."

Vor meinem inneren Auge erschienen die Aufnahmen, die Als Sensoren gemacht hatten. Verdammt wollte ich sein, aber das sah wirklich und wahrhaftig nach einem Blitz aus. Nach so langer Zeit?

Al las meine Gedanken. "Warum nicht? Dachtest du, du bist die letzte?" Das hatte ich allerdings schon öfter befürchtet, und er wußte das.

Der Sensoreninput war nur dürftig. Eine genaue Lokalisierung war nicht möglich gewesen. Aber immerhin, irgendwo auf dem nördlichen Kontinent. Dem großen.

"Also los. Meinst du, du schaffst es bis dorthin?"

"Spar dir deinen Spott. Wenn du mich nicht so vernachlässigt hättest... Aber ich habe dir gesagt, das du das eines Tages bereuen würdest. Und ja, wir schaffen das, Mylady. Bitte anzuschnallen."

***

Ich hatte vergessen, wie groß der nördliche Kontinent war. Und zwar ziemlich groß. Unsere Chancen, den Urheber des Blitzes zu finden, standen nicht besser, als einer Ameise ins Auge zu spucken. Als Sensoren waren ganz gut für ein Schiff seiner Klasse, aber zum Aufspüren von Lebensformen nicht unbeding geeignet. Auf einem toten Planeten, okay, aber nicht auf Juwel, das vor Leben strotzte.

"Tja, wenn du mich fragst, solange es keinen zweiten Blitz aussendet..." fing Al an.

"Ich weiß, ich weiß! Wir könnten uns totsuchen. Aber verdammt", ich schlug auf die Konsole vor mir, "so nah dran zu sein!"

"Hör auf, mich zu schlagen. Was kann ich dafür. Ich bin nur ein Handlanger, ich habe kein einziges, verlorenes Blitzsignal ausgestrahlt. Wer weiß, vielleicht war das nur eine natürliche Fluktuation."

Ich schnaubte.

"Eher würde ich glauben, daß deine Sensoren einen Überlauf haben. Taste weiter ab, ich versuche etwas anderes." Al zog sich zurück, als ich aufstand.

"Die Bäume?" Sein Ton war spöttisch. Schon wieder. Diese verdammte Maschine raubte mir noch den letzten Nerv.

"Reg dich nicht so auf. Du bist hypernervös wegen des Blitzes, und weil du zum erstenmal längere Zeit von den Bäumen wegwarst. Möchtest du vielleicht was zur Beruhigung? Ich könnte dir was synthetisieren..."

Als Antwort schlug ich nochmals gegen die Konsole, dann trat ich ins Tageslicht hinaus. Mir war gerade ein beunruhigender Gedanke gekommen: Vielleicht hatte Al das Signal vorgetäuscht, um mich von der Vereinigung wegzulocken? Das würde auch erklären, warum er gegen meinen Versuch war, den Wald zu benutzen. Aber das kläre ich jetzt, und wehe dir, ich schalte dich ab, wenn du mir einen Streich gespielt hast, schwor ich mir.

"Siehst du, wie nervös du bist? Du hast schon Anfälle von Paranoia", klang seine Stimme mir im Kopf. Unmutig trennte ich die Gedankenverbindung.

***

Wir singen, wir tanzen im Wind. Die Sonne scheint auf uns herab. Wir trinken das Wasser der Erde. Süße Erde, kühles Wasser.

Die Verbindung war so stark wie immer. Ich war erleichtert, und streckte meine Fühler noch etwas weiter aus, drang in das Bewußtsein des Waldes ein. Es kostete mich Anstrengung, nicht wie früher darin aufzugehen, sondern die Oberhand zu behalten, aber es mußte sein, wollte ich die Suche fortsetzen.

So wie der Rest von Juwel, war auch dieser Kontinent fast völlig von Wald überzogen. Ich nahm seine Empfindungen auf, achtete auf Störungen... Und da war eine! Eine Disharmonie, ein Stück südwestlich unserer Position. Das mußte nicht unbedingt der Blitzemacher sein, aber andererseits war es auch kein Brand, den hätten wir längst geortet. Nachschauen schadete nichts.

Al war wieder schlechter Laune, als ich zu ihm kam.

"Ach was, du bist schlechter Laune. Übrigens warst du fast zwei Standardtage weggetreten, wer weiß, ob unser Freund überhaupt noch hier ist."

Ich berichtete ihm von der Disharmonie. Al stimmte mit mir überein, daß da was dran sein könnte, und wir flogen ab.

***

Während des kurzen Fluges wurde mir auf einmal übel, etwas, was mir schon lange nicht mehr passiert ist. Ich bat Al um Hilfe, doch die medizinische Einheit fand den Grund meiner Probleme nicht. Dafür aber Al.

"Schau mal, das könnte es sein." Mir stand ein schreckliches Bild vor Augen. Unter uns war der Wald verwüstet, viele der Bäume lagen um. In diesem Moment stürzte ein weiterer, und ein sengender Schmerz fuhr durch meinen Kopf.

Als ich wieder zu mir kam, lag ich auf dem Boden des Schiffes, und ein besorgter Al redete auf mich ein.

"Das war knapp. Der Schock hätte dich töten können. Es war meine Schuld, ich hätte die Zusammenhänge erkennen müssen. Ich habe dich jetzt isoliert."

Immer noch etwas benommen stand ich auf. Und wirklich, ich konnte die Bäume nicht mehr wahrnehmen. Dafür war mir auch nicht mehr schlecht.

"Ich bin ein Stück von dem Platz entfernt gelandet. Meine Sensoren melden eine Person auf der...Rodung. Humanoid. Ach ja, und ein zerstörtes Schiff. Klasse V, älter als ich. Daher der einzelne Blitz."

Ich hörte kaum zu. Ein Mensch...und er tötete die Bäume? Warum? Ich mußte ihn aufhalten. Solidarität hin und her, aber dies ging zu weit. Ich griff nach der Waffe.

"Oh oh. Du hast doch jetzt keine Dummheit vor, oder? Wir wissen nicht, ob er überhaupt ein Mensch ist. Und was er will. Wenn er dich mit der Waffe sieht, geht er vielleicht mit seiner Axt auf dich los."

"Axt?"

Das klang nach einem primitiven Wilden der Urzeit, nicht nach jemandem, der mit einem Klasse-V-Schiff hierhergeflogen war. Aber manchmal drehen Leute durch. Andere würden mich wahrscheinlich auch für verrückt erklären, wie ich da, gleich König George, mit den Bäumen redete. Aber dies war meine Welt. Und er konnte nicht einfach hier den wilden Axtmörder spielen.

Aber Al hatte recht, das mit der Waffe war eine lausige Idee. Ich hatte eine bessere.

"Oh nein, Mylady. Ich bin mir nicht sicher, ob die Isolierung da nicht versagen würde. Ohne mich --"

"Tu es", befahl ich entschlossen, ging raus und suchte den größten Baum in der Nähe auf.

***

Die Isolierung hielt. Zwar mit Schwankungen, aber sie hielt. Ich tauchte ein in das Bewußtsein der Geschöpfe, die wie Bäume aussahen, schickte meine Gedanken aus, meine Befehle. Ab und zu ein Schmerz, hundertfach geschwächt in meiner Isolation, aber ich drang zu ihnen durch. Sie nahmen meinen Gedanken auf, handelten.

Ich trennte mich ab. Währen dieses intensiven Kontaktes war ich fast mit dem Baum verschmolzen, ich sah zu, wie meine Fäden sich aus seinen entwirrten. Ich atmete tief durch. Dann ging ich die Waffe holen, und trat auf die gerodete Lichtung hinaus.

Er lag am Boden, von Wurzeln umschlungen, wand sich ab und an in wildem Aufbegehren. Ich trat näher. Ein Mensch...oder beinahe. Seine Haut war rot, wo meine grün ist. Seine Augen weiteten sich, als er mich sah, eine grünhäutige Dryade mit dunklen Augen und langen Haaren, die ein Eigenleben zu führen schienen. Ich fragte ihn, wer er sei, und was er hier mache, aber er gurgelte nur zur Antwort.

Es tat weh, mitten unter gefällten Bäumen zu stehen. Seine Axt stak noch im Stamm neben ihm, Pflanzensaft lief daran herunter.

Unser Blut, raunten die Äste über uns.

Erst jetzt bemerkte ich den Haufen Holz, der in der Mitte des Platzes aufgeschichtet lag. Ich verstand nicht. Wollte er ein Feuer machen? Das mußte ein großes Feuer sein...

***

Der rothäutige Mann keuchte, als die Dryade sich über ihn beugte, mit ihren Haaren streichelte. Ein Strang fuhr ihm über das Gesicht, und wand sich ins Nasenloch hinein...Er schrie.

***

Es gelang mir, Kontakt mit ihm herzustellen. Er schrie nicht mehr, aber es dauerte noch eine Weile, bis er mich richtig wahrnahm.

"Wer bist du?" fragte ich.

"Ich..ich bin." Ich wartete geduldig.

"Ich bin das Feuer. Das riesige Feuer. Wo ist das Feuer? Al, hol das Feuer wieder her. Ich erfriere, und ich will doch brennen. So kalt."

Er war wirklich verrückt. Aber ich hatte wohl recht damit gehabt, daß er ein Feuerchen hatte entfachen wollen. Ich fragte ihn danach.

"So kalt. Ich muß wieder ins Feuer. Das Feuer der Sonne. Oh, die Sonne ist kalt hier. So fern. Und Al ist nicht mehr da."

Er fing an zu weinen. Ich zog mich zurück, denn ich fing an zu verstehen. Ich rief Al.

Er kam, und setzte behutsam neben uns auf. Nach dem Abtasten bestätigte sich meine Vermutung.

"Er ist auch mutiert", begann Al, "aber die Veränderung ist viel weiter fortgeschritten als bei dir. Es scheint, daß er sich von starker Sternenstrahlung ernährt, er hat einen Fächer entwickelt, um den Sonnenwind aufzufangen. Du kannst ihn nicht sehen", fuhr er fort, als ich neugierig hinabschaute, "er ist auf seinem Rücken, zusammengerollt. Er kann nicht sprechen, da seine Stimmbänder verkümmert sind. Ich werde mich jetzt bei ihm einstöpseln, er hat bestimmt einen Kontakt beim Stammhirn, so wie du." Eine von Als Dendriten kroch auf den Mann zu.

"Er hat auch einen Al gehabt, also muß er einen Kontakt haben", stimmte ich zu.

Die Augen des Mannes weiteten sich wieder, als der Ausläufer hinter seinem Kopf verschwand und in ihn eindrang. Ich wartete eine Weile. Schließlich meldete sich Al wieder.

"Er befindet sich -- wahrscheinlich wegen Nahrungsmangels, oder auch wegen der für ihn fremdartigen Umgebung und des Verlustes seines Als -- im Schockzustand. Ich dringe nicht richtig zu ihm durch. Aber ich denke mir das so: Er hat mit Unterstützung seines Schiffes reichhaltige Strahlungsquellen aufgesucht. Bei der letzten -- nach dem Zustand der Trümmer würde ich sagen, ein Pulsar -- ist ein Unfall passiert. Sein Schiff hat ihn hierhin gebracht, ist aber dabei zerstört worden. Die Sonneneinstrahlung reicht ihm nicht als Nahrungsquelle. Er verliert den Verstand und will ein Feuer machen, um sich an der Wärmestrahlung zu sättigen."

"Aber das hätte ihm doch überhaupt nicht gereicht, das bißchen", setzte ich an.

"Ja, aber er ist zur Zeit nicht bei klarem Verstand. Was machen Tiere, die kurz vor dem Hungertod stehen? Sie fangen an, sich selber aufzufressen. Dieses Verhalten ist einfach nicht logisch."

Ich fällte einen Entschluß. Gut, er hatte den Wald verletzt, aber ein mittelgroßer Brand richtete größere Schäden an. Er war immer noch ein...Mitmensch. Vielleicht der letzte außer mir. Zwischen den Sternen zerstreut...So war es seit langer Zeit gewesen. Wir wanderten umher, alleine mit uns selbst, begleitet von unseren Maschinen. Es diente keinem vernünftigen Zweck, aber ich mußte ihm helfen.

"Al, du bringst ihn weg."

Mein Schiffcomputer schien geschockt. "Du schickst mich weg. Mit ihm?"

"Er stirbt, wenn er nicht bald Nahrung zu sich nimmt. Bring ihn zu den Sternen zurück."

"Und du bleibst hier? Allein?"

Ich sah auf zu dem Rauschen über mir.

"Ich bin nicht allein."

***

Es weht der Wind durch die Blätter, es flutet das Licht herab. Der Regen fällt. Die Dryade läuft durch den Wald, lachend. Die Bäume verneigen sich vor ihr, schütteln ihr Haupt. Sie bleibt stehen, und wird zum Baum.

 

© Chantal Keller 1999
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