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Artikelreihe: Frauen in der Mathematik

Sofia Kovalevskaja

Sofia Vasilevna Kovalevskaja (geb. Korvin-Krukovskaja) kam am 15. Januar 1850 in Moskau als mittleres von drei Kindern des Ehepaares Korvin-Krukovski zur Welt. Ihr Vater Vasilii war russischer Artillerie-Offizier, ihre Mutter Elizaveta Shubert stammte aus einer eingewanderten Familie deutscher Gelehrter.

Schon früh zeigte Kovalevskaja ein großes Interesse fr die Naturwissenschaften und Mathematik. Ihr Vater erlaubte ihr, unter Anleitung eines Lehrers Algebra u. Geometrie zu lernen; später verpflichtete er fr fortgeschrittene Studien sogar einen Mathematiker.

Angeregt durch Bekannte und ihre ältere Schwester Anna (Schriftstellerin u. später Mitwirkende an den Kämpfen zur Verteidigung der Pariser Kommune von 1871), wurde sie zur Unterstützerin radikaler, fortschrittlicher politischer u. sozialer Ideen der 60er Jahre. Besonders der Nihilismus mit seiner Vorstellung der Gleichstellung der Frau interessierte sie.

Da russische Universitäten zu jener Zeit keine Frauen annahmen, und Kovalevskaja befürchtete, ihr Vater werde ihr kein Studium im Ausland erlauben, heiratete sie 1868 zum Schein den Nihilisten und zukünftigen Paleontologen Vladimir O. Kovalevski. (Solche "fiktiven" Ehen waren in gewissen radikalen Kreisen damals durchaus nichts Ungewöhnliches.) Mit ihm ging sie dann 1869 nach Heidelberg, um dort Mathematik und Naturwissenschaften zu studieren. Sie besuchte Vorlesungen solcher berühmten Forscher wie Gustav Kirchhoff, Hermann von Helmhotz, Leo Königsberger, und R. Wilhelm Bunsen. Die Erlaubnis zum Besuch der Veranstaltungen musste sie dabei vom jeweiligen Professor erfragen.

Nach drei erfolgreichen Semestern in Heidelberg ging Kovalevskaja nach Berlin. Dort war das Frauenstudium verboten; sie erhielt daher Privatunterricht von Karl Weierstrass, dessen bekannteste Schülerin sie wurde. Im Jahre 1874, nach drei Jahren Arbeit in Berlin, und nachdem sie bereits nach Russland zurückgekehrt war, promovierte sie in Abwesenheit mit einer Arbeit zur Theorie partieller Differentialgleichungen in Göttingen. Sie schaffte ihren Doktor summa cum laude, und war damit die erste Frau, die einen Doktortitel der Mathematik erhielt. Die Doktorarbeit, die ihren besonders eleganten Beweis des Cauchy-Kovalevskaja- Theorems enthält, wird übrigens als eine ihrer bedeutendsten angesehen.

Wieder in Russland, gelang es Kovalevskaja und ihrem Mann nicht, Universitätsposten zu erhalten. Teils aus Notwendigkeit wandte sie sich der Literatur zu. In diesen und den folgenden Jahren schrieb sie u.a. ihre Kindheitserinnerungen, zwei Theaterstücke (zusammen mit der Schwedin Anne Charlotte Leffler), und mehrere Essays zu politischen u. sozialen Themen (Ihr Engagement in diesen Fragen verließ sie nie).

1878 kam ihre Tochter Sofia zur Welt, doch schon zwei Jahre danach lebten sie und ihr Ehemann getrennt. Kovalevskii, dessen geistige Gesundheit nicht die beste war (er litt unter manisch-depressiven Anfällen), beging im April 1883 Selbstmord.

1884 gelang es Kovalevskaja mit Unterstützung ihres schwedischen Freundes und Kollegen Gösta Mittag-Leffler, eine Anstellung als Privatdozent an der Universität von Kopenhagen zu erlangen. Im Juni 1884 wurde sie zur außerordentlichen Professorin ernannt, 1889 zur ordentlichen.

Berühmtheit erlangte Kovalevskaja, als ihr 1888 der Prix Bordin der Französischen Akademie der Wissenschaften für ihre Arbeit ber die Rotation eines schweren Körpers um einen festen Punkt zugesprochen wurde. Hierbei handelte es sich um ein klassisches Problem, zu dem schon Größen wie L. Euler, J.L. Lagrange, S.D. Poisson und C. Jacobi Untersuchungen angestellt hatten. Sie analysierte den schwierigsten, bis dahin ungelösten Fall des Problems; ihr Werk ist auch heute noch für theoretische Physiker von Bedeutung.

Kovalevskaja hatte großen Einfluss in der mathematischen Welt ihrer Zeit. Sie machte Weierstraß' Funktionentheorie in Russland bekannt (sie überzeugte z.B. Tschebyscheff von dieser Richtung der "Analysis um der Analysis willen"). Sie pflegte nicht nur mit vielen mathematischen Größen Kontakt, sondern auch mit solchen Berühmtheiten wie George Eliot, Fjodor Dostojevski, Charles Darwin, und anderen.

1891 starb Kovalevskaja im Alter von einundvierzig Jahren an einer Lungenentzündung.

Quellen:

  • "Women Of Mathematics -- A Bibliographic Sourcebook", edited by Louise S. Grinstein and Paul J. Vampbell, Greenwood Press 1987; pp. 103-109 : "Sofia Vasilevna Kovalevskaia (1850-1891)" by Ann Hibner Koblitz
  • "Lexikon bedeutender Mathematiker", Hrsg. S. Gottwald, H.-J. Ilgauds, und K.-H. Schlote; Verlag Harri Deutsch 1990

Literatur:

  • "Zur Theorie der partiellen Differentialgleichungen." Journal fr die reine und angewandte Mathematik 80 (1875): 1-32
  • "Sur le problème de la rotation d'un corps solide autour d'un point fixe." Acta Mathematica 12 (1888-1889): 177-232

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